Kommunikation
Selbstwert und Führung
Du bist mehr als deine Leistung
Dein Wert beginnt nicht mit deinem Erfolg – und endet nicht mit deinem Scheitern.
Ob als Führungskraft in einem Unternehmen oder in den täglichen Herausforderungen unseres Lebens: Der Wert, den wir uns selbst beimessen, beeinflusst unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen und die Art, wie wir mit Erfolg, Kritik und Niederlagen umgehen. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der Menschen permanent bewertet werden. Leistung. Erfolg. Einkommen. Position. Aussehen. Reichweite. Anerkennung.
Und irgendwann kann daraus eine ziemlich gefährliche Gleichung entstehen: Ich leiste viel = ich bin wertvoll. Und umgekehrt: Ich scheitere = mit mir stimmt etwas nicht. Ich halte diese Gleichung für falsch. Deine Leistung kann bewertet werden. Dein Verhalten kann kritisiert werden. Deine Entscheidungen können falsch sein. Du kannst Fehler machen und dafür Verantwortung tragen. Aber daraus folgt nicht, dass du als Mensch weniger wert bist.
Du bist wertvoll. Punkt.
Selbstwert ist nicht Selbstbewusstsein
Wir verwenden Begriffe wie Selbstwert, Selbstwertgefühl, Selbstachtung und Selbstbewusstsein häufig, als würden sie dasselbe beschreiben. Dabei können wir uns selbst je nach Lebenssituation sehr unterschiedlich wahrnehmen. Erfolg kann uns selbstbewusster machen. Kritik kann uns verunsichern. Eine Niederlage kann Zweifel auslösen. Anerkennung kann guttun. All das verändert, wie wir uns gerade erleben. Und manchmal zweifeln wir an uns selbst. Das muss nichts Schlechtes sein.
Dinge, Situationen, unser eigenes Verhalten und unsere Überzeugungen zu hinterfragen, ist ein wichtiger Bestandteil persönlicher Entwicklung. Problematisch wird es dort, wo aus dem Zweifel an einer Entscheidung irgendwann ein Zweifel am eigenen Wert entsteht. Aus: „War meine Entscheidung falsch?“ wird dann: „Bin ich falsch?“ Das ist ein gewaltiger Unterschied. Zweifel können Reflexion und Entwicklung ermöglichen. Warum ich sie sogar für eine Führungskompetenz halte, beschreibe ich in meinem Beitrag „Zweifeln als Führungskompetenz“
Was passiert, wenn mein Wert von meiner Leistung abhängt?
Wenn unser Selbstwert stark davon abhängt, erfolgreich zu sein, kann Leistung eine enorme Bedeutung bekommen. Dann ist ein Fehler plötzlich nicht mehr nur ein Fehler. Kritik fühlt sich nicht mehr wie Kritik an einer Entscheidung oder unserem Verhalten an, sondern wie Kritik an unserer Person. Eine berufliche Niederlage kann sich wie persönliches Scheitern anfühlen.
Und vielleicht entsteht irgendwann das Gefühl, permanent beweisen zu müssen, dass wir gut genug sind. Gerade bei Führungskräften finde ich diesen Gedanken interessant. Führung bedeutet zwangsläufig, Entscheidungen zu treffen. Und Entscheidungen können falsch sein. Führungskräfte werden kritisiert. Sie können Projekte gegen die Wand fahren, Konflikte falsch einschätzen oder Menschen enttäuschen. Wer seinen eigenen Wert ständig beweisen muss, führt irgendwann möglicherweise nicht mehr für andere – sondern für die eigene Bestätigung.
Fehler machen dich nicht weniger wertvoll
Auf unserem Lebensweg werden wir Fehler machen. Wir werden falsche Entscheidungen treffen. Vielleicht verlieren wir einen Auftrag. Vielleicht scheitert ein Projekt. Vielleicht endet eine Beziehung. Vielleicht enttäuschen wir einen Menschen. Vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass etwas, wovon wir jahrelang überzeugt waren, vollkommen falsch war. Das alles gehört zu unserem Leben.
Und natürlich bedeutet ein unverlierbarer menschlicher Wert nicht, dass unser Verhalten keine Konsequenzen hätte. Wenn ich einen Menschen verletze, muss ich dafür Verantwortung übernehmen. Wenn ich als Führungskraft eine schlechte Entscheidung treffe, muss ich mich mit ihren Folgen auseinandersetzen. Wenn ich einen Fehler mache, kann eine Entschuldigung notwendig sein.
Verantwortung übernehmen und sich selbst als Menschen abzuwerten sind aber zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Form von Selbstachtung: sich selbst kritisch betrachten zu können, ohne sich dabei selbst zu zerstören.
Selbstwert und Führung – Vom Tropfen zum Ozean
Ich mag dafür das Bild eines Tropfens im Ozean. Jeder einzelne Tropfen ist winzig. Und trotzdem besteht der Ozean aus nichts anderem als all diesen einzelnen Tropfen. Vielleicht ist es mit uns Menschen ähnlich. Wir sind Individuen und gleichzeitig Teil von etwas Größerem: einer Familie, eines Teams, eines Unternehmens, einer Gesellschaft, einer Menschheit.
Wir beeinflussen andere Menschen und werden von ihnen beeinflusst. Wir hinterlassen Spuren, manchmal große und manchmal so kleine, dass wir sie selbst überhaupt nicht bemerken. Du bist einer von Milliarden Menschen. Aber es gibt unter diesen Milliarden keinen zweiten Menschen, der exakt du ist. Vielleicht hilft uns dieser Gedanke manchmal dabei, unseren eigenen Wert wieder etwas klarer zu sehen.
Und was bedeutet das für die Führung?
Wenn ich davon ausgehe, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung abhängt, hat das Konsequenzen für Führung. Eine Mitarbeiterin kann schlechte Arbeit leisten. Ein Mitarbeiter kann einen erheblichen Fehler machen. Menschen können sich unangemessen verhalten, Verantwortung verweigern oder Entscheidungen treffen, die Konsequenzen haben müssen. Führung darf und muss das ansprechen. Aber: Eine schlechte Leistung darf ich kritisieren. Einen Menschen darf ich deshalb nicht entwerten.
Für mich liegt darin ein wesentlicher Unterschied zwischen klarer Führung und menschenverachtender Führung. Ich kann einem Menschen sehr deutlich sagen: „Diese Leistung reicht nicht aus.“ ohne ihm damit zu sagen: „Du reichst nicht aus.“ Genau hier beginnt für mich liebevolle Führung: Menschen ernst zu nehmen und ihren Wert anzuerkennen, ohne deshalb auf Klarheit, Verantwortung, Leistung oder notwendige Kritik zu verzichten.
5 Fragen an dich selbst
Vielleicht lohnt es sich, gelegentlich darüber nachzudenken, welchen Einfluss Leistung, Anerkennung und die Erwartungen anderer auf unseren eigenen Selbstwert haben:
- Wovon mache ich meinen eigenen Wert abhängig?
- Was passiert mit mir, wenn ich scheitere oder kritisiert werde?
- Behandle ich mich selbst so, wie ich einen Menschen behandeln würde, den ich liebe?
- Trenne ich bei anderen Menschen ausreichend zwischen Person, Verhalten und Leistung?
- Was müsste ich nicht mehr beweisen, wenn ich davon überzeugt wäre, bereits wertvoll zu sein?
Gerade die letzte Frage kann ziemlich unbequem werden.
Wenn „Du bist wertvoll“ allein nicht reicht
Es ist leicht, einem Menschen zu sagen: „Du bist wertvoll.“ Sehr viel schwieriger kann es sein, das für sich selbst zu empfinden. Selbstzweifel, starke Selbstkritik, Versagensängste, Leistungsdruck, Schwierigkeiten mit eigenen Grenzen oder das permanente Bedürfnis nach Anerkennung können sehr belastend werden. Und manchmal hilft dann auch der schönste Motivationssatz nicht weiter. Dann kann es sinnvoll sein, genauer hinzusehen.
In meiner psychologischen Beratung können wir solche persönlichen Themen vertraulich betrachten, Zusammenhänge reflektieren und gemeinsam individuelle Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Denn vielleicht müssen wir nicht lernen, immer stärker, erfolgreicher oder selbstbewusster zu werden. Vielleicht müssen wir manchmal lernen, unseren eigenen Wert nicht permanent davon abhängig zu machen.
Du bist wertvoll.
Nicht erst, wenn du dein nächstes Ziel erreicht hast.
Nicht, weil du einen bestimmten Titel trägst.
Nicht, weil andere Menschen dich bewundern.
Und auch nicht nur dann, wenn du gerade besonders stark bist.
Du bist wertvoll. Punkt.
Headerfoto: Terry Vlisidis / Unsplash










