Kommunikation
Veränderung in der Führung
Warum Veränderung in der Führung uns Angst macht und trotzdem wünschenswert ist
Veränderung gehört zum Leben. Und trotzdem mögen wir sie häufig nicht. Veränderungen machen uns häufig Angst. Wir richten uns ein. In unserem Alltag, unseren Beziehungen, unseren Überzeugungen und natürlich auch in unserem Beruf. Wir entwickeln Routinen, sammeln Erfahrungen und finden Wege, mit denen wir bisher ganz gut durchs Leben gekommen sind. Das gibt uns Sicherheit.
Und dann verändert sich etwas. Ein neuer Vorgesetzter. Eine neue Strategie. Ein neues Team. Künstliche Intelligenz verändert Arbeitsprozesse. Ein wichtiger Mitarbeiter geht. Ein Projekt scheitert. Ein Kunde kündigt. Oder wir selbst stellen plötzlich fest, dass eine Entscheidung, von der wir lange überzeugt waren, vielleicht doch nicht die richtige war. Veränderung kann verunsichern. Gleichzeitig wäre ein Leben ohne Veränderung kaum vorstellbar. Und für Führungskräfte ist die Fähigkeit, mit Veränderung umzugehen, besonders wichtig.
Warum uns Veränderung Angst machen kann
Vertrautes hat einen großen Vorteil: Wir kennen es. Wir wissen ungefähr, was passieren wird, welche Konsequenzen unser Handeln hat und wie wir reagieren müssen. Veränderung nimmt uns einen Teil dieser Vorhersehbarkeit. Plötzlich entstehen Fragen. Was passiert jetzt? Funktioniert das Neue? Was verliere ich? Kann ich mit der neuen Situation umgehen? Und vielleicht auch: Habe ich bisher etwas falsch gemacht?
Deshalb ist Widerstand gegen Veränderung zunächst einmal nachvollziehbar. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir ihm immer folgen sollten. Denn Sicherheit und Stillstand sind nicht dasselbe.
Perspektivwechsel: Veränderung beginnt oft im Kopf
Wenn wir eine Situation beurteilen, betrachten wir sie immer aus einer bestimmten Perspektive. Diese Perspektive ist geprägt durch unsere Erfahrungen, unser Wissen, unsere Werte, unsere Interessen und unsere aktuelle Situation. Das ist völlig normal. Problematisch wird es erst, wenn wir unseren eigenen Blickwinkel mit der Wirklichkeit verwechseln.
Eine Führungskraft kann beispielsweise vor allem auf Zahlen und wirtschaftliche Konsequenzen einer Entscheidung schauen. Ein Mitarbeiter betrachtet dieselbe Entscheidung möglicherweise aus Sicht der Arbeitsbelastung. Die Personalabteilung sieht rechtliche oder organisatorische Auswirkungen. Ein Kunde interessiert sich vor allem dafür, was sich für ihn verändert. Alle betrachten dieselbe Situation – und sehen trotzdem etwas anderes. Ein Perspektivwechsel bedeutet deshalb nicht, die eigene Sichtweise aufzugeben. Er bedeutet zunächst nur, anzuerkennen, dass es noch andere Sichtweisen geben könnte. Genau darin liegt sein Wert.
Die eigene Meinung zu ändern ist keine Schwäche
Dieser Gedanke war mir bereits wichtig, als ich die erste Version dieses Artikels 2023 geschrieben habe: Die eigene Perspektive zu verändern, wird manchmal als Unsicherheit oder sogar als Schwäche interpretiert. Ich sehe das anders. Wenn neue Informationen vorliegen, sich Rahmenbedingungen verändern oder ich erkenne, dass meine bisherige Einschätzung falsch war, kann es ausgesprochen vernünftig sein, meine Meinung zu ändern.
Gerade Führungskräfte stehen dabei vor einem interessanten Spannungsfeld. Von ihnen erwarten wir Orientierung, Klarheit und Entscheidungen. Gleichzeitig müssen sie bereit sein, ihre eigenen Entscheidungen kritisch zu überprüfen. Eine klare Haltung zu haben bedeutet nicht, unbeweglich zu sein. Vielleicht prüfe ich eine andere Perspektive und bleibe anschließend bei meiner ursprünglichen Entscheidung. Vielleicht verändere ich sie. Beides kann richtig sein. Entscheidend ist, dass ich bereit bin, überhaupt hinzusehen.
Veränderung braucht unterschiedliche Perspektiven
Besonders wichtig wird das bei Konflikten, schwierigen Entscheidungen und größeren Veränderungen in Unternehmen. Wir neigen schnell zu einem Gedanken, der ungefähr so lautet: Wenn die anderen die Situation richtig verstehen würden, müssten sie eigentlich zu demselben Ergebnis kommen wie ich. Aber genau das müssen sie nicht.
Zwei Menschen können dieselben Fakten kennen und trotzdem zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen. Weil sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Weil sie andere Verantwortlichkeiten tragen. Weil sie unterschiedliche Risiken sehen oder andere Bedürfnisse haben. Das bedeutet nicht, dass jede Perspektive automatisch richtig ist. Aber sie kann Informationen enthalten, die mir aus meinem eigenen Blickwinkel fehlen.
Deshalb gehört für mich zu guter Führung nicht nur die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Gute Führung muss auch zuhören, hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven aushalten können. Gerade in komplexen Situationen ist diese Fähigkeit entscheidend. In meiner strategischen Beratung geht es deshalb häufig nicht darum, sofort eine vermeintlich perfekte Antwort zu präsentieren. Zunächst müssen wir verstehen, welche Perspektiven, Interessen und Konsequenzen überhaupt berücksichtigt werden müssen.
5 Fragen für einen Perspektivwechsel
Manchmal braucht es dafür keine komplizierte Methode. Fünf Fragen können bereits helfen:
- Was weiß ich tatsächlich – und was nehme ich lediglich an?
- Wie würde die andere Person diese Situation beschreiben?
- Welche Interessen, Bedürfnisse oder Konsequenzen übersehe ich gerade?
- Wie würde ich die Situation beurteilen, wenn ich nicht persönlich betroffen wäre?
- Welche neue Information könnte dazu führen, dass ich meine Meinung ändere?
Besonders die letzte Frage finde ich spannend. Wenn die ehrliche Antwort nämlich lautet „Keine“, lohnt sich die Frage, ob wir tatsächlich noch eine fundierte Position vertreten – oder lediglich unsere Position verteidigen.
Veränderung braucht Mut
Veränderung ist nicht automatisch gut. Es gibt schlechte Veränderungen, unnötige Veränderungen und Veränderungen, gegen die es sich zu kämpfen lohnt. Aber die Fähigkeit zur Veränderung halte ich für etwas ausgesprochen Positives.
Wir dürfen unsere Meinung ändern. Wir dürfen Entscheidungen korrigieren. Wir dürfen feststellen, dass etwas, das früher funktioniert hat, heute nicht mehr funktioniert. Und wir dürfen anderen Menschen zuhören, ohne deshalb unsere eigene Haltung aufgeben zu müssen.
Der Perspektivwechsel ist dabei kein Zeichen mangelnder Klarheit. Im Gegenteil. Manchmal müssen wir unseren Standpunkt verlassen, um überhaupt erkennen zu können, wo wir gerade stehen. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten im Umgang mit Veränderung: nicht jede Veränderung gutzuheißen, aber bereit zu sein, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Headerbild: Håkon Grimstad / Unsplash. Foto unten: Michael Schober, Hintergund bearbeitet mit chatGPT.