Kommunikation
Radikalisierung durch Social Media
Na, heute schon etwas radikaler geworden? Wie Algorithmen unser Denken beeinflussen.
Die wenigsten Menschen stehen morgens auf und beschließen: Heute werde ich ein bisschen radikaler. Radikalisierung kann schleichend verlaufen. Sie kann mit etwas beginnen, das vollkommen harmlos erscheint: einem Video, einem Rezept, einer politischen Meinung, einer Gesundheitsfrage, einer persönlichen Sorge oder einem Beitrag, der uns emotional berührt.
Wir klicken. Wir schauen. Wir liken. Wir kommentieren. Wir folgen einem Account. Und vielleicht sehen wir am nächsten Tag einen ähnlichen Inhalt. Dann noch einen. Und noch einen. Das bedeutet nicht, dass ein Algorithmus uns automatisch radikalisiert. Menschen sind keine willenlosen Opfer von Empfehlungssystemen. Aber digitale Plattformen beeinflussen erheblich, welche Ausschnitte der Welt wir sehen, während unser eigenes Verhalten wiederum beeinflusst, was uns diese Systeme anbieten. Diese Wechselwirkung sollten wir verstehen. Denn Radikalisierung betrifft nicht nur „die anderen“.
Wie aus Kochvideos plötzlich radikale Inhalte wurden
Ein persönliches Erlebnis hat mich 2024 dazu gebracht, diesen Artikel zum ersten Mal zu schreiben. Es geht um eine erwachsene Frau, die ich als freundlichen, offenen und lebensfrohen Menschen kennengelernt hatte. Finanziell abgesichert, gut gebildet, eine liebevolle Familie, zwei Söhne, ein großer und vielfältiger Freundeskreis und engagiert in ihrer Nachbarschaft.
Vor einigen Jahren begann sie, aktiv Social-Media-Content zu produzieren. Ihr Thema: Kochen. Und darin war sie richtig gut. Sie veröffentlichte auf Instagram und TikTok Rezepte, die teilweise aus ihrer Familie stammten. Die Inhalte waren unterhaltsam, persönlich und sympathisch. Irgendwann bemerkte ich eine Veränderung.
Zwischen den Rezepten tauchten zunehmend religiöse Inhalte auf. Sie bedankte sich bei Gott, zitierte Jesus und verband ihre Kochvideos mit ihrem Glauben. Daran ist zunächst überhaupt nichts problematisch. Religion und Spiritualität gehören für viele Menschen zu ihrem Leben und selbstverständlich darf jeder Mensch auf seinem eigenen Social-Media-Kanal darüber sprechen. Doch die Inhalte veränderten sich weiter.
Aus persönlichen Glaubensaussagen wurden zunehmend Empfehlungen. Aus Empfehlungen wurden Regeln. Aus Regeln entstanden immer stärkere Abgrenzungen gegenüber Menschen, die diesen Vorstellungen nicht entsprachen. Schließlich erschienen Inhalte, die ich als extrem, homophob und beleidigend empfand. Ich wollte verstehen, was passiert war.
Also sah ich mir an, welchen Accounts sie inzwischen folgte und welche Inhalte sie weiterverbreitete. Darunter befanden sich zunehmend radikal-religiöse Prediger aus den USA und Südamerika sowie polarisierende Beiträge, deren Wahrheitsgehalt zumindest teilweise sehr zweifelhaft war. Als ich versuchte, mit ihr darüber zu sprechen und auf einige nachweislich falsche Informationen hinwies, wurde ich schließlich gelöscht und blockiert. Der Kontakt brach ab.
Was mich daran bis heute beschäftigt, ist weniger eine einzelne religiöse oder politische Überzeugung. Es ist die Geschwindigkeit, mit der sich ihr Kommunikationsverhalten, ihr Menschenbild und schließlich auch ihr Umgang mit Menschen innerhalb weniger Monate verändert hatten.
Was bedeutet Radikalisierung durch Social Media?
Hier ist eine Differenzierung wichtig. Eine starke politische, gesellschaftliche oder religiöse Überzeugung macht einen Menschen nicht automatisch radikal. Eine Demokratie lebt sogar davon, dass Menschen unterschiedliche Überzeugungen vertreten, miteinander streiten und gesellschaftliche Zustände infrage stellen.
Problematisch können Entwicklungen werden, wenn sich beispielsweise Weltbilder zunehmend verengen, andere Gruppen pauschal abgewertet werden, absolute Wahrheitsansprüche entstehen, widersprechende Informationen grundsätzlich zurückgewiesen werden oder sich ein starres Freund-Feind-Denken entwickelt. Und auch hier gilt: Radikalisierung ist kein einfacher, bei allen Menschen identisch ablaufender Prozess. Persönliche Erfahrungen, soziale Beziehungen, Identität, gesellschaftliche Bedingungen, Gruppendynamiken und digitale Kommunikationsräume können zusammenspielen. Social Media ist dabei ein möglicher Faktor – nicht die alleinige Ursache.
Warum können wir für radikale Botschaften empfänglich sein?
Unser Gehirn verarbeitet Informationen nicht vollkommen neutral. Das gilt für radikalisierte Menschen genauso wie für mich und für Sie. Wir alle besitzen psychologische Mechanismen, die normalerweise vollkommen funktional sind, unter bestimmten Bedingungen aber dazu beitragen können, dass sich unsere Wahrnehmung verengt.
1) Wir mögen Informationen, die zu unserem Weltbild passen
Der sogenannte Bestätigungsfehler oder Confirmation Bias beschreibt vereinfacht unsere Tendenz, Informationen so auszuwählen oder zu bewerten, dass bestehende Überzeugungen bestätigt werden. Das kann online besonders relevant werden. Wer beispielsweise beginnt, sich intensiv mit einem gesellschaftlichen Thema zu beschäftigen, klickt entsprechende Beiträge an, schaut Videos länger, sucht nach Informationen und folgt möglicherweise Accounts, die sich damit beschäftigen. Damit produziert die Person gleichzeitig Signale für Empfehlungssysteme. Das System lernt: Dieser Mensch interessiert sich offenbar für dieses Thema. Und zeigt mehr davon.
2) Emotionen bekommen unsere Aufmerksamkeit
Angst, Wut und Empörung können unsere Aufmerksamkeit besonders stark binden. Das bedeutet nicht, dass emotionale Kommunikation grundsätzlich schlecht ist. Emotionen können Menschen schließlich auch zu Solidarität, Hilfe und gesellschaftlichem Engagement bewegen. Aber gerade moralische Empörung spielt in sozialen Netzwerken eine besondere Rolle.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit beschreibt Social Media als möglichen Beschleuniger bereits bestehender moralischer Dynamiken und verweist unter anderem auf Empörung, Gruppenidentität und Konflikte zwischen Gruppen. Besonders interessant ist aktuelle Forschung zu Desinformation: Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen Empörung und der Weitergabe falscher Informationen. Eine 2026 veröffentlichte experimentelle Studie fand zudem Hinweise darauf, dass moralische Wut Entscheidungen zum Teilen beschleunigen und die Bedeutung von Glaubwürdigkeitsinformationen reduzieren kann. Das macht einen einfachen Reflex besonders wertvoll: Je stärker mich ein Beitrag emotional aufwühlt, desto wichtiger kann es sein, vor dem Teilen kurz innezuhalten.
3) Wir möchten dazugehören
Menschen sind soziale Wesen. Gruppen können uns Zugehörigkeit, Orientierung, Anerkennung und Identität vermitteln. Das ist zunächst etwas Positives. Problematisch kann es werden, wenn Zugehörigkeit zunehmend daran geknüpft wird, dass alle Mitglieder dieselben Überzeugungen teilen und Menschen außerhalb der Gruppe pauschal abgewertet werden.
Dann verändert sich Kommunikation: Aus „Ich glaube X“ kann irgendwann werden: „Wir verstehen X – und die anderen verstehen es nicht.“ Und später möglicherweise: „Wir sind die Guten – die anderen sind das Problem.“ Forschung zeigt, dass soziale Identität und moralisch-emotionale Sprache das Teilen von Inhalten beeinflussen können und zugleich die Wahrnehmung der Gesprächsbereitschaft gegenüber anderen Gruppen verändern.
4) Wiederholung verändert Wahrnehmung
Ein Satz wird nicht wahr, nur weil wir ihn hundertmal gelesen haben. Aber Wiederholung kann beeinflussen, wie vertraut uns Informationen, Behauptungen oder Verhaltensweisen erscheinen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wir sollten deshalb nicht vereinfachend behaupten, Menschen würden eine Lüge zwangsläufig glauben, wenn sie nur häufig genug wiederholt wird.
Forschung zeigt jedoch durchaus, dass wiederholte Exposition unsere Bewertung beeinflussen kann. Experimente fanden beispielsweise, dass wiederholt präsentierte moralische Verfehlungen teilweise als weniger unethisch bewertet wurden. Vertrautheit ist kein Beleg für Wahrheit. Gerade in einem personalisierten Informationsraum sollten wir uns daran gelegentlich erinnern.
5) Wir lernen aus der Reaktion anderer
Likes, Kommentare und Shares sind nicht nur Kennzahlen. Sie sind soziale Signale. Wir sehen, welche Aussagen Zustimmung erhalten, welche Beiträge innerhalb unserer Gruppe erfolgreich sind und welche Sprache Aufmerksamkeit erzeugt.
Eine Untersuchung mit Millionen Tweets sowie ergänzenden Experimenten zeigte, dass positives soziales Feedback auf Empörungsäußerungen die Wahrscheinlichkeit späterer ähnlicher Äußerungen erhöhen kann. Zudem orientierten sich Nutzer am Ausdrucksverhalten ihres sozialen Netzwerks. Das bedeutet nicht, dass ein Like einen Menschen radikalisiert. Aber soziale Verstärkung kann Verhalten beeinflussen.
6) Wir versuchen, Widersprüche auszuhalten
Menschen erleben immer wieder Situationen, in denen neue Informationen nicht zu bestehenden Überzeugungen passen. Das erzeugt Spannung. Eine mögliche Reaktion darauf ist, die eigene Überzeugung zu überprüfen. Eine andere besteht darin, die neue Information abzuwerten. Und genau hier kann ein zunehmend geschlossenes Informationsumfeld problematisch werden: Für fast jeden Widerspruch lässt sich online eine Quelle finden, die uns bestätigt, dass nicht wir falschliegen, sondern die anderen.
Was hat der Algorithmus damit zu tun?
„Der Algorithmus“ ist inzwischen fast zu einer mystischen Figur geworden. Er manipuliert uns. Er kontrolliert uns. Er entscheidet, was wir denken. So einfach ist es nicht. Empfehlungssysteme verschiedener Plattformen funktionieren unterschiedlich und werden kontinuierlich verändert. Vereinfacht gesagt nutzen sie jedoch Signale, um vorherzusagen, welche Inhalte für einen Nutzer wahrscheinlich relevant oder interessant sind. Solche Signale können beispielsweise entstehen durch:
- Inhalte, die wir anklicken,
- Accounts, denen wir folgen,
- Beiträge, mit denen wir interagieren,
- Videos, die wir länger ansehen,
- Themen, nach denen wir suchen,
- Inhalte, die wir teilen,
- oder Beiträge, bei denen wir besonders lange verweilen.
Der entscheidende Punkt lautet: Der Algorithmus kennt nicht unsere Wahrheit. Er kennt Signale unseres Verhaltens. Und unser Verhalten wiederum wird durch die Inhalte beeinflusst, die wir sehen. Genau deshalb ist die Beziehung zwischen Mensch und Empfehlungssystem keine Einbahnstraße. Dass Empfehlungssysteme gesellschaftlich relevante Risiken erzeugen können, ist inzwischen auch regulatorisch anerkannt. Der europäische Digital Services Act stellt für sehr große Plattformen besondere Anforderungen an Transparenz, Risikobewertung und den Umgang mit systemischen Risiken ihrer Dienste und Empfehlungssysteme.
Filterblase, Echokammer und Wirklichkeit – ist es wirklich so einfach?
Der Begriff „Filterblase“ ist attraktiv, weil er eine komplizierte Entwicklung einfach erklärt: Der Algorithmus zeigt mir nur noch meine eigene Meinung und irgendwann halte ich sie für die gesamte Wirklichkeit. Das Problem daran: Die Wirklichkeit ist komplizierter.
Wir wählen selbst Menschen aus, denen wir folgen. Wir suchen bestimmte Informationen. Freunde senden uns Beiträge. Wir gehören Gruppen an. Unsere politische und gesellschaftliche Umgebung beeinflusst uns. Medien beeinflussen uns. Plattformen sortieren Inhalte. Empfehlungssysteme personalisieren. Und gleichzeitig begegnen uns online durchaus Positionen, denen wir widersprechen. Deshalb halte ich es für falsch, Radikalisierung auf eine simple Kette zu reduzieren: Algorithmus → Filterblase → Radikalisierung. Menschen und Gesellschaft funktionieren nicht wie eine Excel-Tabelle. Treffender ist:
Digitale Plattformen können Bedingungen schaffen oder verstärken, unter denen bestimmte Inhalte, Emotionen und Gruppenprozesse besonders wirksam werden.Und genau diese Mechanismen sollten wir verstehen.
Warum emotionale Inhalte so mächtig sein können
In meinem ursprünglichen Artikel bezeichnete ich Social Media provokant als unseren „Dopamin-Dealer“. Er reduziert einen komplexen psychologischen und neurobiologischen Prozess auf einen griffigen Vergleich. Die dahinterliegende Beobachtung bleibt aber relevant: Plattformen konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit. Und emotional aufgeladene Inhalte können dabei ausgesprochen wirksam sein.
Empörung ist dafür ein gutes Beispiel. Studien zeigen, dass Signale hoher Viralität selbst die Wahrnehmung gesellschaftlicher Bedrohung und den Ausdruck moralischer Empörung verstärken können. Gleichzeitig dürfen wir daraus nicht schließen, Emotionen seien grundsätzlich schlecht. Die gleichen Mechanismen können Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeit lenken, Hilfsbereitschaft mobilisieren oder gesellschaftliche Veränderungen unterstützen. Auch die Forschung betont diese Doppelrolle moralischer Emotionen in sozialen Netzwerken.
Das Problem ist nicht, dass wir fühlen. Entscheidend ist, was wir mit diesen Gefühlen und den Informationen tun, die sie ausgelöst haben.
Das Problem betrifft nicht nur Politik und Religion
Verengte Informationsräume, Desinformation und emotionalisierende Kommunikation begegnen uns in vielen Bereichen:
- Gesundheit und Ernährung,
- Migration,
- Geschlechterrollen,
- Klimawandel,
- Krieg und geopolitische Konflikte,
- Verschwörungserzählungen,
- Wissenschaft,
- gesellschaftliche Konflikte,
- und inzwischen zunehmend auch bei Künstlicher Intelligenz.
Je stärker ein Thema unsere Identität, unsere Werte oder unser moralisches Empfinden berührt, desto wichtiger kann es werden, Informationen nicht nur danach zu bewerten, wie richtig sie sich anfühlen. Eine Studie aus dem Jahr 2025 zeigte beispielsweise, dass die Übereinstimmung einer Botschaft mit moralischen Werten die Bereitschaft zum Teilen erhöhen kann – bei Fehlinformationen sogar stärker als bei zutreffenden Informationen. Das ist unangenehm. Denn es betrifft nicht nur Menschen, deren Weltbild wir ablehnen. Es betrifft uns selbst.
Unternehmen sollten diese Mechanismen ebenfalls verstehen
Was hat das alles mit Unternehmenskommunikation zu tun? Eine ganze Menge. Unternehmen kommunizieren nicht außerhalb dieser digitalen Öffentlichkeit. Mitarbeitende, Kunden, Journalisten, Führungskräfte, Aktivisten, Kritiker und Wettbewerber bewegen sich in denselben Informationsräumen. Daraus können Situationen entstehen wie:
- Shitstorms,
- Desinformation über Unternehmen,
- eskalierende Diskussionen,
- politisierte Unternehmenskommunikation,
- interne Konflikte,
- gezielte Manipulation,
- Reputationskrisen,
- gefälschte Aussagen von Führungskräften,
- oder KI-generierte Bilder, Audios und Videos.
Kommunikationsverantwortliche müssen deshalb nicht nur wissen, was ihr Unternehmen sagen möchte. Sie sollten auch verstehen, in welchem Informationssystem ihre Botschaften ankommen und weiterverbreitet werden. Wer Kommunikation strategisch steuern möchte, muss verstehen, wie digitale Öffentlichkeit heute entsteht. Genau diese Perspektive gehört für mich zur strategischen Beratung: Kommunikation nicht isoliert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit Menschen, Organisation, Medienumfeld und möglichen Risiken.
Künstliche Intelligenz verändert die Situation erneut
Seit der ursprünglichen Veröffentlichung dieses Artikels 2024 hat sich noch etwas erheblich verändert: Die Möglichkeiten generativer KI sind weiter gewachsen. Texte, Bilder, Stimmen und Videos können heute in hoher Qualität und enormer Geschwindigkeit synthetisch erzeugt werden. Damit sinken die technischen Hürden für die Produktion von Content – auch für irreführende oder manipulative Inhalte.
Das bedeutet nicht, dass KI zwangsläufig Desinformation produziert. Die Technologie eröffnet gleichzeitig enorme kreative, wirtschaftliche und gesellschaftliche Möglichkeiten. Aber Unternehmen und ihre Mitarbeitenden sollten verstehen, womit sie arbeiten. Dazu gehören Fragen nach Transparenz, Verantwortlichkeiten, KI-Kompetenz und einem sicheren Einsatz entsprechender Systeme.
Genau hier setzt mein Workshop EU AI Act kompakt an: nicht mit Angst vor KI, sondern mit dem Ziel, die Technologie und die daraus entstehenden Anforderungen besser zu verstehen und verantwortungsvoll damit umzugehen.
Was können wir selbst tun?
Wir können Empfehlungssysteme nicht vollständig kontrollieren. Unser eigenes Verhalten können wir aber beeinflussen.
1) Den eigenen Feed regelmäßig hinterfragen
Was sehe ich eigentlich jeden Tag? Welche Positionen fehlen? Und warum bekomme ich bestimmte Themen ständig angezeigt?
2) Bewusst andere seriöse Perspektiven suchen
Nicht um die eigene Meinung aufzugeben. Sondern um zu überprüfen, ob sie einer anderen Perspektive standhält.
3) Emotionen als Signal nutzen
Ein Beitrag macht Sie sofort wütend? Sie wollen ihn unbedingt teilen? Genau dann können zehn Sekunden Pause besonders wertvoll sein.
4) Vor dem Teilen die Quelle prüfen
Wer behauptet etwas? Woher stammt die Information? Gibt es eine Originalquelle? Berichten andere seriöse Quellen darüber?
5) Tatsache, Interpretation und Meinung unterscheiden
Diese drei Dinge verschwimmen in Social Media permanent. Ein Mensch darf eine Meinung haben. Sie wird dadurch aber noch nicht zur Tatsache.
6) Dauerempörung erkennen
Wenn ein Account jeden Tag einen neuen Skandal, Feind oder Untergang präsentiert, lohnt sich die Frage, ob Sie tatsächlich informiert werden – oder dauerhaft emotional aktiviert.
7) Empfehlungen aktiv beeinflussen
Entfolgen. Andere Accounts abonnieren. Themen ausblenden. Andere Inhalte suchen. Nicht jeden Empörungsbeitrag kommentieren. Unser Verhalten produziert Signale. Nutzen wir das.
8) Mit Menschen außerhalb der eigenen Bubble sprechen
Nicht jeder Widerspruch ist ein Angriff. Manchmal ist ein Mensch, der unsere Meinung infrage stellt, wertvoller als hundert Likes von Menschen, die uns ohnehin zustimmen.
Ein kleines Beispiel dafür, wie viel wir selbst beeinflussen können
Vor einiger Zeit beklagte sich eine Geschäftsführerin bei mir über ihren LinkedIn-Feed. Sie sehe immer denselben „Mist“, immer die gleichen Menschen und ständig Inhalte, die sie überhaupt nicht interessierten. Wir sahen uns gemeinsam an, wie sie LinkedIn nutzte. Welche Beiträge klickte sie an? Wo blieb sie hängen? Wem folgte sie? Mit welchen Inhalten interagierte sie? Dabei wurde ihr bewusst, dass ihr eigenes Verhalten zumindest einen Teil dessen beeinflusste, worüber sie sich anschließend ärgerte. Aus: „Ich habe darauf überhaupt keinen Einfluss.“ wurde: „Okay. Ich kann zumindest einen Teil davon selbst beeinflussen.“ Genau darum geht es mir. Nicht um die Illusion vollständiger Kontrolle. Sondern um digitale Selbstwirksamkeit.
Häufige Fragen zu Social Media und Radikalisierung
Kann Social Media Menschen radikalisieren?
Social Media kann Teil von Radikalisierungsprozessen sein und bestimmte Dynamiken verstärken. Radikalisierung lässt sich jedoch nicht monokausal auf soziale Netzwerke oder Algorithmen zurückführen. Persönliche, soziale, psychologische und gesellschaftliche Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen.
Welche Rolle spielen Algorithmen bei Radikalisierung?
Empfehlungssysteme entscheiden mit darüber, welche Inhalte Nutzer sehen. Sie orientieren sich unter anderem an Verhaltenssignalen und können dadurch bestimmte Themen oder Perspektiven verstärkt sichtbar machen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Radikalisierung.
Was ist eine Filterblase?
Mit Filterblase wird die Vorstellung beschrieben, dass personalisierte Auswahlmechanismen dazu führen können, dass Menschen überwiegend Informationen sehen, die zu ihren bisherigen Interessen und Überzeugungen passen. In der Realität wird unser Informationsumfeld allerdings durch wesentlich mehr Faktoren als ausschließlich Algorithmen bestimmt.
Was ist der Unterschied zwischen Filterblase und Echokammer?
Vereinfacht beschreibt eine Filterblase vor allem die Auswahl und Personalisierung von Informationen. Eine Echokammer beschreibt stärker ein soziales Umfeld, in dem bestimmte Überzeugungen innerhalb einer Gruppe immer wieder bestätigt und abweichende Positionen abgewertet oder ausgeschlossen werden.
Warum verbreiten sich emotionale Inhalte in sozialen Netzwerken?
Emotionale Inhalte können Aufmerksamkeit erzeugen und Menschen zum Kommentieren oder Teilen motivieren. Besonders moralisch-emotionale Inhalte und Empörung sind Gegenstand umfangreicher Forschung zur Kommunikation in sozialen Netzwerken.
Kann ich beeinflussen, was Social-Media-Algorithmen mir zeigen?
Zum Teil. Das eigene Nutzungsverhalten liefert Empfehlungssystemen Signale. Welche Möglichkeiten Nutzer konkret haben, hängt allerdings von der jeweiligen Plattform und deren Empfehlungssystem ab.
Wie erkenne ich, dass sich meine eigene Wahrnehmung verengt?
Ein Warnsignal kann sein, wenn fast alle Quellen, denen man vertraut, dieselbe Position vertreten, widersprechende Informationen reflexartig als unglaubwürdig abgelehnt werden oder Menschen mit anderen Ansichten zunehmend nicht mehr als Gesprächspartner, sondern ausschließlich als Gegner wahrgenommen werden.
Welche Rolle spielt KI bei Desinformation?
Generative KI kann die Produktion synthetischer Texte, Bilder, Audios und Videos erheblich erleichtern und beschleunigen. Dadurch können auch irreführende Inhalte einfacher produziert werden. Gleichzeitig kann KI selbstverständlich ebenso für Aufklärung, Analyse und andere konstruktive Zwecke eingesetzt werden.
Social Media verstehen, statt ihm ausgeliefert zu sein
Ich arbeite seit vielen Jahren professionell mit Social Media. Und gerade deshalb halte ich wenig von der Erzählung, Social Media sei grundsätzlich schlecht. Diese Plattformen verbinden Menschen. Sie machen Wissen zugänglich. Sie ermöglichen gesellschaftliche Debatten. Sie schaffen wirtschaftliche Chancen. Menschen finden Gemeinschaft, Unterstützung und Inspiration. Aber all das entbindet uns nicht davon, ihre Mechanismen zu verstehen.
Medienkompetenz bedeutet für mich deshalb nicht nur zu wissen, wie man Social Media bedient. Sie bedeutet auch zu verstehen, was Social Media mit uns machen kann – und was wir selbst damit machen. Mit diesen Entwicklungen beschäftige ich mich seit Jahren auch in meinen Büchern zu den Social Media Trends 2024, 2025 und 2026.
Die aktuelle Ausgabe Social Media Trends 2026 beschäftigt sich unter anderem mit Künstlicher Intelligenz, neuen Kommunikationsstrategien, Vertrauen, Authentizität und den Veränderungen digitaler Kommunikation. Denn bei aller Technologie bleibt für mich eine Frage entscheidend: Wie wollen wir miteinander kommunizieren – und welche Verantwortung übernehmen wir selbst dafür?
