Führungskraft
Wut als Führungskompetenz
Warum wir aufhören sollten, Wut wegzulächeln
Wut ist unbequem. Wut eckt an. Und manchmal ist genau das ihre Aufgabe.
Ich war wütend! Nicht ein bisschen genervt. Nicht angespannt. Nicht schlecht gelaunt. Wütend.
Wir schreiben Ende 2021 und während ich diesen Artikel geschrieben hatte, lag ich im Krankenhaus. Vor 21 Tagen wurde bei mir ein Tumor in Golfballgröße diagnostiziert. Ob er gut- oder bösartig ist, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Seit der Diagnose hatte ich vor allem eines: viele Fragen und wenig Antworten. Natürlich machte mir das Angst. Es verunsicherte mich. Ich machte mir Sorgen. Aber ich war vor allem wütend.
Und vielleicht musste ich diese Wut gar nicht sofort loswerden. Vielleicht sollte ich ihr erst einmal zuhören.
Wut hat einen beschissenen Ruf
Wut ist eine dieser Emotionen, die wir gerne in „gut“ und „schlecht“ einsortieren. Freude? Gut. Dankbarkeit? Wunderbar. Gelassenheit? Erstrebenswert. Wut? Schwierig.
Vor allem im beruflichen Umfeld. Von Führungskräften erwarten wir Souveränität, Selbstbeherrschung und Sachlichkeit. Wer wütend wird, gilt schnell als unprofessionell oder emotional instabil. Aber Wut ist zunächst nichts davon. Wut ist eine Emotion. Sie gehört zu uns Menschen. Problematisch kann werden, was wir daraus machen. Wir können aufgrund unserer Wut Menschen anschreien, beleidigen, bedrohen oder demütigen. Wir können Türen knallen, Dinge zerstören oder andere unsere Macht spüren lassen. Aber das ist nicht die Wut. Das ist unsere Reaktion darauf, unser Verhalten. Und für unser Verhalten tragen wir immer die Verantwortung.
Vielleicht sollten wir manchmal verdammt noch mal wütend sein
Ich möchte meine Wut nicht grundsätzlich wegmeditieren. Denn es gibt Dinge, die mich wütend machen dürfen.
- Ungerechtigkeit macht mich wütend. Menschenverachtung macht mich wütend.
- Diskriminierung macht mich wütend.
- Wenn Menschen ihre Macht missbrauchen, andere bewusst verletzen oder Verantwortung abschieben, kann mich das wütend machen.
- Und wenn ich sehe, dass Menschen in Unternehmen nur noch als Kostenstelle, Personalnummer oder austauschbare Ressource betrachtet werden, möchte ich mir diese Emotion ebenfalls nicht abtrainieren.
Wer niemals wütend wird, ist nicht automatisch besonders souverän. Vielleicht ist ihm manches einfach nicht wichtig genug.
Wut kann uns zeigen, dass etwas für uns Bedeutung hat. Dass eine Grenze überschritten wurde. Dass wir etwas als ungerecht erleben. Dass ein Wert verletzt wurde. Dass wir nicht bereit sind, einen Zustand einfach hinzunehmen. Deshalb möchte ich Wut nicht kleinreden. Sie darf unbequem sein. Sie darf anecken. Manchmal ist genau das ihre Aufgabe.
Wut ist nicht Aggression
Trotzdem gibt es eine Grenze, die für mich entscheidend ist. Wut rechtfertigt nicht jedes Verhalten. Ich darf wütend sein. Ich darf deshalb aber nicht alles tun. Gerade in Führungspositionen ist diese Unterscheidung wichtig. Denn Führung bedeutet Macht. Eine Führungskraft kann mit einem einzigen Satz einen Menschen verletzen, einschüchtern oder öffentlich demütigen.
„Ich war eben wütend“ ist dafür keine Entschuldigung. Emotion und Verhalten sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich kann meine Wut ernst nehmen und trotzdem entscheiden, wie ich mit einem anderen Menschen spreche. Ich kann deutlich werden, ohne respektlos zu werden. Ich kann Grenzen setzen, ohne jemanden herabzusetzen. Ich kann sagen: „Das macht mich gerade wirklich wütend.“ Und trotzdem verantwortlich handeln. Vielleicht ist genau das emotionale Souveränität. Nicht keine Wut zu empfinden. Sondern ihr nicht automatisch die Kontrolle über mein Verhalten zu überlassen.
Wut muss nicht laut sein
Wenn wir an einen wütenden Menschen denken, haben viele sofort ein bestimmtes Bild vor Augen. Eine laute Stimme. Aggressive Gesten. Ein roter Kopf. Vielleicht eine zugeschlagene Tür. Aber das ist nicht Wut. Auch das ist nur eine mögliche Art, um Wut auszudrücken. Ich selbst bin auch manchmal wütend. Aber ich bin ein eher stiller Mensch. Wenn ich wirklich wütend bin, werde ich nicht unbedingt laut. Manchmal wird es um mich herum sogar eher ruhiger.
Wer mich nicht gut kennt, sieht mir meine Wut möglicherweise überhaupt nicht an. Ob das immer gut ist? Da bin ich mir nicht sicher. Denn wir können Wut herausschreien und damit andere verletzen. Wir können sie aber genauso gut so tief in uns verstecken, dass niemand mehr merkt, dass gerade eine Grenze überschritten wurde. Vielleicht irgendwann nicht einmal mehr wir selbst.
Deshalb halte ich wenig davon, Menschen danach zu beurteilen, wie sichtbar ihre Emotionen sind. Der laut schreiende Mitarbeiter ist nicht automatisch wütender als die Kollegin, die plötzlich verstummt. Und die Führungskraft, die niemals ihre Stimme erhebt, geht deshalb nicht automatisch besonders souverän mit ihren Emotionen um. Lautstärke ist kein Messgerät für Emotionen.
Wohin mit der ganzen Wut?
Damals im Krankenhaus stellte sich für mich eine sehr praktische Frage: Was mache ich jetzt mit meiner Wut? Kurz zuvor hatte ich während meiner Ausbildung zum psychologischen berater eine Übung gelernt. Die Idee war, die eigene Wut gedanklich an „Mutter Erde“ weiterzugeben und transformiert wieder in Empfang zu nehmen. Meine erste Reaktion? Esoterik-Bullshit. Genau so habe ich es damals empfunden.
Trotzdem habe ich selbst die Übung ausprobiert. Ich habe das „Mutter“ gedanklich gestrichen und mich auf das konzentriert, was für mich interessant war: die Visualisierung. Denn ob die Erde tatsächlich irgendeine „negative Energie“ von mir aufnimmt, ist für diese Übung gar nicht entscheidend. Ich benutze ein inneres Bild. Meine Wut ist real. Das Bild hilft mir dabei, mit ihr umzugehen. Mehr muss es für mich zunächst gar nicht sein.
So geht die Übung
Meine Wut wird zu einem Energieball
- Ich sitze oder liege ruhig da und versuche zunächst, meinen Körper wahrzunehmen.
- Wo spüre ich meine Wut? Im Kopf? In der Brust? Im Bauch? In den Schultern?
- Dann stelle ich mir diese Wut als leuchtenden Energieball vor. Je nachdem, wie intensiv die Wut gerade ist, verändert sich in meiner Vorstellung seine Größe, seine Farbe oder seine Leuchtkraft.
- Anschließend stelle ich mir vor, wie dieser Energieball meinen Körper dort verlässt, wo ich den Boden oder die Unterlage berühre.
- Und dann geht es weiter.
- Durch den Boden.
- Durch die Erde.
- Immer tiefer.
- Bis zum Erdkern.
- Dort gebe ich diese Energie gedanklich ab. Im ursprünglichen Artikel habe ich dieses Bild noch wesentlich wörtlicher beschrieben: Die Erde nimmt die negative Energie auf und verwandelt sie in positive Energie für Wachstum und Leben.
Heute ist für mich etwas anderes entscheidend: Ich muss nicht glauben, dass dabei irgendein physikalischer Energietransfer stattfindet.
- Ich visualisiere.
- Ich gebe meiner Emotion eine Form.
- Ich nehme sie wahr.
- Und ich stelle mir vor, wie ich einen Teil davon loslasse.
- Wenn dieses Bild für mich funktioniert, darf ich es benutzen.
Vielleicht solltest du deine Wut gar nicht vollständig loswerden
Hier würde ich heute allerdings einen Schritt weitergehen als damals. Ich möchte nach dieser Übung nicht einfach nur wieder ruhig sein. Denn wenn die Wut weniger überwältigend geworden ist, beginnt für mich der eigentlich interessante Teil.
- Warum war ich überhaupt so wütend?
- Was ist passiert?
- Welche Grenze wurde überschritten?
- Was empfinde ich als ungerecht?
- Welcher Wert wurde verletzt?
- Was ist mir offenbar so wichtig, dass ich darauf mit Wut reagiere?
Und dann?
- Was möchte ich jetzt damit machen?
Vielleicht muss ich gar nichts tun. Vielleicht habe ich überreagiert. Vielleicht liegt ein Teil des Problems bei mir. Vielleicht muss ich mich entschuldigen. Vielleicht muss ich aber auch ein unangenehmes Gespräch führen. Eine Entscheidung treffen. Eine Grenze setzen. Oder endlich etwas verändern, das ich viel zu lange hingenommen habe.
Dann hat die Wut ihre Aufgabe erfüllt. Nicht indem sie für mich entschieden hat. Sondern indem ich ihr zugehört habe.
Wut als Führungskompetenz
Was hat das alles mit Führung zu tun? Eine ganze Menge. Führungskräfte sind Menschen. Sie haben Ängste, Zweifel, Freude, Enttäuschungen, Unsicherheiten – und eben auch Wut. Wir sollten deshalb nicht so tun, als sei eine gute Führungskraft ein emotional neutraler Organismus, der jede Situation mit gleichbleibendem Puls und freundlichem Lächeln analysiert. Das wäre für mich auch kein erstrebenswertes Menschenbild.
Gute Führung braucht Emotionen. Aber sie braucht gleichzeitig Verantwortung. Gerade deshalb gehört für mich die Fähigkeit, auch unter emotionalem Druck handlungsfähig zu bleiben, zur inneren Ruhe als Führungskompetenz. Innere Ruhe und Wut sind für mich dabei keine Gegensätze. Ich kann wütend sein und trotzdem bewusst entscheiden. Ich kann betroffen sein und trotzdem zuhören. Ich kann emotional sein und trotzdem respektvoll bleiben. Und ich kann sehr deutlich machen, dass eine Grenze überschritten wurde, ohne einen anderen Menschen niederzumachen.
5 Fragen, bevor die Wut für mich entscheidet
Wenn ich wütend bin, können mir fünf Fragen helfen:
1. Was genau macht mich gerade wütend?
Nicht: Wer macht mich wütend? Sondern: Was ist passiert?
2. Welche Grenze oder welcher Wert wurde aus meiner Sicht verletzt?
Damit komme ich der Ursache näher.
3. Gehört meine gesamte Wut wirklich in diese Situation?
Manchmal trägt die aktuelle Situation mehr, als ihr eigentlich gehört.
4. Was möchte ich mit meiner Reaktion erreichen?
Will ich das Problem lösen – oder gerade nur meine Wut loswerden?
5. Wie kann ich deutlich sein, ohne den Menschen vor mir zum Ziel meiner Wut zu machen?
Diese Frage ist für Führungskräfte besonders wichtig.
Denn je größer meine Macht über andere Menschen ist, desto größer ist auch meine Verantwortung dafür, wie ich mit meinen Emotionen umgehe.
Vielleicht brauchen wir mehr Wut
Vielleicht brauchen wir in unseren Unternehmen also gar nicht weniger Wut. Vielleicht brauchen wir Wut an den richtigen Stellen.
- Wut über Ungerechtigkeit.
- Über Respektlosigkeit.
- Über Diskriminierung.
- Über Verantwortungslosigkeit.
- Über Machtmissbrauch.
- Über Entscheidungen, bei denen Menschen plötzlich nur noch Zahlen sind.
Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, denen all das gleichgültig ist. Ich möchte von Menschen geführt werden, die etwas fühlen. Die auch einmal wütend werden. Die ihre Wut weder an anderen Menschen auslassen noch so perfekt verstecken müssen, dass niemand mehr etwas davon bemerkt. Sondern von Menschen, die ihre Emotionen ernst nehmen und trotzdem Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.
Wut ist nicht das Gegenteil guter Führung. Manchmal ist sie der verdammt gute Grund, endlich etwas zu verändern.
Wenn Emotionen auch Ihren Führungsstil beeinflussen
Führung bedeutet nicht, Emotionen auszuschalten. Manchmal werden Wut, Ärger, Angst, Unsicherheit oder innere Anspannung jedoch so stark, dass sie Entscheidungen, Kommunikation, Beziehungen oder das eigene Wohlbefinden beeinflussen. In meiner psychologischen Beratung können Führungskräfte solche persönlichen Themen vertraulich und außerhalb des Unternehmens bearbeiten.
Mögliche Themen sind beispielsweise:
- Anger Management – Wut verstehen, Auslöser erkennen und einen konstruktiven Umgang damit entwickeln
- Umgang mit starken Emotionen – Emotionen wahrnehmen, einordnen und angemessen ausdrücken
- Emotionsregulation – auch in emotional aufgeladenen Situationen handlungsfähig bleiben
- Konflikte und Eskalationen – eigene Reaktionsmuster erkennen und schwierige Situationen anders gestalten
- Stress und innere Anspannung – Belastungen frühzeitig wahrnehmen und individuelle Strategien entwickeln
- Ängste und Unsicherheit – mit Situationen umgehen, in denen Sicherheit, Kontrolle oder Orientierung fehlen
- Selbstzweifel – die eigene Rolle, Entscheidungen und Fähigkeiten reflektieren, ohne sich in Zweifeln zu verlieren
- Überforderung und hoher Leistungsdruck – persönliche Grenzen erkennen und mit dauerhaft hohen Anforderungen umgehen
- Schwierigkeiten beim Setzen von Grenzen – klarer Nein sagen, Verantwortung abgrenzen und eigene Bedürfnisse ernst nehmen
- Impulsivität – Abstand zwischen Emotion und unmittelbarer Reaktion schaffen
- Konfliktscheu und unterdrückte Emotionen – nicht alles herunterschlucken, sondern einen angemessenen Ausdruck finden
- Selbstreflexion und eigene Verhaltensmuster – verstehen, warum bestimmte Menschen oder Situationen besonders starke Reaktionen auslösen
- Umgang mit Kritik, Kränkungen und Zurückweisung – persönliche Reaktionen verstehen und souveräner damit umgehen
- Schuldgefühle und übermäßiges Verantwortungsgefühl – unterscheiden, wofür man tatsächlich Verantwortung trägt und wofür nicht
- Umgang mit Veränderungen und Kontrollverlust – handlungsfähig bleiben, wenn Gewohntes wegbricht
- Persönliche Krisen – schwierige Lebenssituationen sortieren und neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln
- Selbstfürsorge und persönliche Grenzen – die eigene psychische Belastbarkeit nicht dauerhaft dem Beruf unterordnen
- Umgang mit Macht und Verantwortung – reflektieren, wie die eigene Position das Verhalten gegenüber anderen beeinflusst
Führungskräfte müssen nicht emotionslos funktionieren. Aber sie tragen Verantwortung dafür, wie sie mit ihren Emotionen umgehen. Wenn Sie merken, dass Sie ein persönliches Thema nicht länger nur mit sich selbst ausmachen möchten, bietet meine psychologische Beratung einen vertraulichen Rahmen, um genauer hinzusehen und gemeinsam individuelle Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Headerbild: Javier Miranda / Unsplash